Eine Impfung für Faulpelze

ZHANG Yiming schrieb ein Jahr lang Tagebuch über ihr Leben in Bielefeld. Im Bericht stellt sich die Studentin den Hürden des deutschen Gesundheitssystems und kommt zu dem Schluss: „Die Deutschen sind gar nicht so kalt, wie behauptet wird“.

Heute bricht mein 120. Tag in Bielefeld an und es ist bald Zeit für meine zweite 9-valente HPV-Impfung.

Vor zwei Tagen stieß ich auf einen WeChat-Artikel mit dem Titel: „Die 9-valente HPV-Impfung ist eine Impfung zur Selbstoptimierung“ (paper.cn). Diese Impfung ist aufgrund des enormen zeitlichen und monetären Aufwands, gleichzeitig Lebensziel und Grund zum Prahlen für junge Frauen in China.  Das beste Angebot, was mir damals über meine Schule zu Verfügung stand, war der 4-fach Impfstoff. Die ellenlange terminliche Warteliste verschreckte mich jedoch. Daher hatte ich es immer abgelehnt, diese Impfung durchzuführen.

Der HPV-Impfstoff ist das wichtigste Mittel zur Vorbeugung von Hochrisiko-Infektionen durch Papillomviren, also Viren, die den Gebärmutterhalskrebs verursachen. Es gibt drei Arten von HPV-Impfstoffen: zwei-fach, vier-fach und neun-fach. Je höherwertig der Impfstoff ist, desto mehr Virustypen kann er bekämpfen. Der 9-valente HPV-Impfstoff wird am besten bis zum Alter von 26 Jahren verabreicht. Ich bin 25 – also die perfekte Gelegenheit!

Als ich damals in Deutschland ankam, war ich zunächst vollends mit der Alltagsbewältigung beschäftigt. Nachdem ich die Versicherungskarte der Techniker Krankenkasse dann in den Händen hielt, erzählte mir mein Freund, dass die meisten deutschen Krankenkassen die Kosten für die HPV-Impfung übernehmen. So wurde mir klar, dass ich den 9-fachen HPV-Impfstoff in Deutschland kostenfrei und schnell erhalten kann. In dem Bewusstsein, dass die Durchführung ein Kinderspiel sein würde, machte ich mich auf die Suche nach einer passenden Klinik.

Wo sind denn in Deutschland die Ärzte?

Das deutsche Gesundheitssystem weist einige Unterschiede zum chinesischen auf. Als durchschnittliche internationale Studentin, die gerade erst mit dem Studium begonnen hatte, musste mir der Unterschied zwischen „zum Arzt gehen“ und „in ein Krankenhaus gehen“ erst einmal deutlich werden.

In Deutschland ist die erste Person, an die man sich wendet, wenn man Kopfschmerzen hat oder ein Bein fehlt, der eigene Hausarzt. Dieser Hausarzt wird einem entweder ein Rezept ausstellen oder an einen weiteren Arzt überweisen. Mit dem Rezept können in Apotheken Arzneimittel gekauft oder einfach abgeholt werden. Bei schlimmeren Wehwehchen wird man an einen Spezialisten überwiesen. (Im Falle des gebrochenen Beins wird man an eine orthopädische Klinik im Krankenhaus überwiesen, wenn man sich vorher noch die Mühe gemacht hat, zum Hausarzt zu humpeln).

Die erste Arztpraxis, die ich in Deutschland aus offensichtlichen Gründen aufsuchte, war eine gynäkologische Praxis. Um ehrlich zu sein, war es für mich, die ich kein Deutsch spreche und keine Verwandten in der Bundesrepublik habe, wirklich schwer, auf eigene Faust eine Praxis zu finden und als Patientin aufgenommen zu werden! Ich habe es schlussendlich meiner Kommilitonin zu verdanken, dass sie mich an ihre Gynäkologin verwiesen hat. Ich würde den Neuankömmlingen unter den Lesern raten, einigen lokalen chinesischen WeChat-Gruppen beizutreten – vielleicht könnt ihr hier einen geeigneten Hausarzt finden.

Bei meinem ersten Besuch wurde ich von einem Freund begleitet, da besagte Freundin keine Zeit hatte. Eigentlich werden Männer wohl nicht zum Frauenarzt hineingelassen, aber aufgrund der Pandemie und der Tatsache, dass ich kein Deutsch spreche, kam auch er in den Genuss seines ersten deutschen Frauenarztbesuchs.

Die Klinik befand sich im vierten Stockwerk eines kleinen Gebäudes im Stadtzentrum von Bielefeld. Wenn man die Tür öffnet, betritt man zunächst einen kleinen Flur mit Toiletten, einem Empfangstresen, einem Warteraum und Behandlungszimmern auf beiden Seiten.

„Hatten Sie jemals eine Abtreibung?“

Die Praxis wurde von der Ärztin eröffnet, nachdem sie die Gewerbeerlaubnis erhalten hatte. Ich weiß nicht, ob dies an der Pandemie liegt oder dies normal ist, aber außer der Rezeptionistin war nur sie im Einsatz. Während ich im Wartezimmer saß, wurden fast alle anderen Frauen von ihren Männern in die dort auch ansässige Entbindungsklinik begleitet, was mir ein wenig peinlich war.

Bald darauf rief mich die Empfangsdame auf: „Frau ZHANG“. Nervös lief ich zum Büro der Ärztin; mein Freund begleitete mich. Sie stellte mir eine Menge grundlegender Fragen, wie z. B. „Wann hatten Sie Ihre erste Periode?“, „Hatten Sie jemals eine Abtreibung?“ …… Natürlich wurden mir all diese Fragen auf Deutsch gestellt. Zum Glück sind ich und mein Begleiter nicht auf den Kopf gefallen und eine sprachliche Blamage blieb aus. Ich unterschrieb also die Einverständniserklärung und wurde anschließend in den Behandlungssaal für eine reguläre, jährliche gynäkologische Untersuchung geführt. Dabei stellte ich fest, dass die Ärztin fließend Englisch sprach, was unsere Kommunikation natürlich ziemlich erleichterte (Warum nicht gleich so?). Nach der Untersuchung zog ich mich fröhlich an und verließ den Saal.

In der Apotheke

Die Ärztin beschloss, die erste Impfung am 1. Dezember, die zweite Ende Januar und die letzte Ende Mai durchzuführen. Sie überreichte mir meinen Terminzettel, und die Dame an der Rezeption gab mir noch ein Rezept. Mithilfe meines Freundes fanden wir schnell zur nächstgelegenen Apotheke und fragten, ob der 9-valente HPV-Impfstoff vorrätig sei. Glücklicherweise ja!

Nachdem ich der Apothekerin das Rezept gegeben hatte, stellte sie mir 10 Euro für das Medikament in Rechnung, der Rest wird direkt von der Krankenkasse beglichen. Am Morgen des 1. Dezember sollte ich in der Apotheke den Impfstoff abholen und mich dann direkt in die Klinik begeben.

Mein Freund erzählte mir, dass viele seiner Freundinnen nach der ersten Impfung unterschiedlich starke Kopfschmerzen, Übelkeit und sogar Fieber hatten, und dass die Injektion spürbar schmerzhaft sei. Mit solchen Befürchtungen ging ich Anfang Dezember wie verabredet zum Frauenarzt, krempelte pflichtbewusst die Ärmel hoch und wartete auf die Ärztin. Man sagte mir, dass in den meisten Praxen ArzthelferInnen für die Injektionen zuständig seien, und dass ihre „Fähigkeiten“ divergieren können. Ich wurde allerdings von der Ärztin persönlich geimpft. Da ich seit Jahren nicht mehr krank gewesen war, erkundigte ich mich bei der Ärztin, ob es wehtun würde und ob sie etwas sanfter sein könnte. Sie beschwichtigte mich. „Es tut gar nicht so sehr weh!“ Sie war sehr geschickt im Umgang mit der Nadel und fragte sofort: „Keine Schmerzen, richtig?“ Ich hatte tatsächlich fast keine Schmerzen gespürt und auch danach keine Nebenwirkungen. Oh ja, ich bin sehr froh, so sanft behandelt worden zu sein!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die HPV-Impfung in Deutschland eine recht zeit- und kostenarme Sache ist und daher ideal für Faulpelze wie mich geeignet ist! Und noch etwas: Die Deutschen sind gar nicht so kalt und herzlos, wie immer behauptet wird. Die Ärztin hatte mich am Ende sogar liebevoll gefragt, ob es weh täte.

Allerdings konnte meine Hausärztin, bei der ich schlussendlich Patientin wurde, nur schlecht Englisch. Dies bedeutete, dass ich meinen „Deutschlernfortschrittsbalken“ ein wenig schneller gen Horizont schieben musste, um meine medizinische Versorgung zu sichern. Eigentlich nichts für Faulpelze…

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