Virtuelle Studierendenmobilität: Das Beste aus beiden Welten

Internationaler Austausch findet zunehmend im virtuellen Raum statt. Digitale Formate eröffnen neue Chancen und Möglichkeiten in der Zusammenarbeit.

Autorin: Gunda Achterhold (März 2023)

Der Beitrag ist zuerst erschienen unter Virtuelle Studierendenmobilität | GATE-Germany

© guvendemir/iStockphoto

Begriffsklärung: Virtuell oder digital?

Die Bezeichnungen digital und virtuell werden oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Bedeutungen haben. „Digital“ bezieht sich auf die Verwendung von Computertechnologie, während „virtuell“ etwas simuliert, das nicht physisch existiert. Ein gutes Beispiel für einen digitales Format ist ein Foto, das mit einer Digitalkamera aufgenommen wurde – während ein virtueller Tisch in einem Computerspiel existiert, aber nicht in der physischen Welt. Eine Videokonferenz ist digital, aber nicht virtuell, da sie von lebenden Menschen besucht wird. Eine Virtual-Reality-Brille hingegen bietet eine virtuelle Erfahrung, indem sie eine simulierte Umgebung zeigt.

Nicht alles, was digital ist, ist also zugleich auch virtuell. Die Verwendung der Adjektive hängt vom Kontext und der Perspektive ab. Die Bezeichnung „virtuelle Mobilität“ ist allerdings mittlerweile etabliert und beschreibt eine digitale Form der Fortbewegung. Mit fortschreitender Technologie wird diese Art der Mobilität in Zukunft immer wichtiger. Im Englischen wird dafür oft „virtual mobility“ verwendet, um von physischer Mobilität abzugrenzen.

Internationalisierung ist für viele Hochschulen ein wichtiger Baustein ihrer Gesamtstrategie. Organisatorisch stehen sie dabei jedoch vor großen Herausforderungen: Immer häufiger sind internationale Studierende zum Semesterstart noch nicht im Land, weil sich die Visavergabe in die Länge zieht. Angesichts zunehmender Wohnungsnot lässt sich vor allem an besonders beliebten Hochschulstandorten oft nur schwer eine bezahlbare Unterkunft für sie finden. Ländlich gelegene Hochschulen wiederum sind internationalen Zielgruppen häufig unbekannt und müssen daher verstärkt um ihre Aufmerksamkeit kämpfen. Sinkende Studierendenzahlen aufgrund des demografischen Wandels verstärken bei fast allen Hochschulen den Druck, sich noch stärker international auszurichten und erfolgreich passende internationale Studierende zu gewinnen.

Formen virtueller Mobilität und digitale Studienangebote können in dieser Situation neue Möglichkeiten eröffnen, internationale Zielgruppen zu erreichen. Ein digitaler Studieneinstieg beispielsweise ermöglicht einen längeren zeitlichen Vorlauf und gleicht Verzögerungen bei der Einreise aus. Rein virtuelle Studienphasen tragen zur Entspannung bei der Unterbringung internationaler Studierender bei. Wie weit die Überlegungen an Hochschulen bereits gehen, verdeutlichen Anfragen von Hochschulvertretenden an GATE-Germany und den DAAD exemplarisch. Sie zeigen das Spannungsfeld auf, das sich aus dem Selbstverständnis als Präsenzuniversität und den notwendig gewordenen strukturellen Kursanpassungen für die Hochschulen ergibt.

Studieneinstieg von zu Hause aus

Die Pandemie habe dafür gesorgt, dass die digitale Lehre in der Breite der Hochschule angekommen sei, stellt der Wissenschaftsrat in seinen „Empfehlungen zur Digitalisierung in Lehre und Studium“ fest. Eine Auswertung der Anträge der ersten Förderrunde der Stiftung Innovation der Hochschullehre deute jedoch darauf hin, dass bisher nur einige Hochschulen ihren Stand in der Digitalisierung systematisch und forschungs- bzw. datenbasiert auswerteten und ihre Strategieentwicklung darauf aufbauten. Dabei liegen die Vorteile aus Sicht des Wissenschaftsrates auf der Hand, auch im Hinblick auf die Internationalisierung: „Die virtuelle Teilnahme an Studienangeboten ausländischer Hochschulen erweitert das Studium um eine Variante internationaler Erfahrung. Hochschulen können die digital gestützte Lehre in unterschiedlichem Umfang zur Profil- und Strategiebildung einsetzen, damit ihr Aufgabenspektrum erweitern und gezielt bestimmte Zielgruppen ansprechen.“

Mit dem Projekt VORsprung entwickelt der DAAD aktuell gemeinsam mit fünf Hochschulen, der Zentralstelle für Auslandsschulwesen (ZfA) und der Gesellschaft für Akademische Studienvorbereitung und Testentwicklung (g.a.s.t.) ein digitales Vorbereitungsprogramm für Studieninteressierte, die sich in ihrem Heimatland auf ein MINT-Studium in Deutschland vorbereiten wollen. Es wird sich perspektivisch an internationale Schulabsolventinnen und -absolventen mit Deutschkenntnissen auf B2-Niveau wenden, die über keine direkte Hochschulzugangsberechtigung für Deutschland verfügen. Neben sprachlichen und fachlichen Inhalten vermittelt das achtmonatige Programm auch interkulturelle Aspekte und bereitet eine noch sehr junge Klientel darauf vor, was sie im Studienalltag an einer deutschen Hochschule erwartet. „In dieser Phase sind sie noch in ihrer gewohnten Umgebung und können sich dank der Flexibilität, die das digitale Programm bietet, in Ruhe auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorbereiten“, sagt Dr. Cindy Werner, Teamleiterin Digitale Studienvorbereitung im Referat Digitalisierung des DAAD. Die Wissensvermittlung in den Fächern Chemie, Informatik, Mathematik und Physik ist eingebettet in ein hochschul- und mediendidaktisches Gesamtkonzept, das sich an den Bedürfnissen der Lernenden im digitalen Raum orientiert. „Ebenso wichtig ist uns aber, die Teilnehmenden auf die Lernkultur an deutschen Hochschulen vorzubereiten, ihnen die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens näherzubringen und ihnen so die Studieneingangsphase zu erleichtern.“

Wo die Ursachen der hohen Abbrecherquoten internationaler Studierender liegen, das zeige das vom DAAD koordinierte Verbundprojekt Studienerfolg und Studienabbruch bei Bildungsausländerinnen und Bildungsausländern in Deutschland im Bachelor- und Masterstudium (SeSaBa) sehr genau, so Werner. Finanzielle Gründe, aber auch mangelnde Motivation wirken sich den Studienergebnissen zufolge negativ auf den Studienerfolg aus. „Es werden oft falsche Erwartungen an das Studium gestellt, die sich dann nicht erfüllen“, so Werner.

Das nun mit Ägypten, Indien, Mexiko und Vietnam pilotierte Projekt VORsprung, das vom DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amts finanziert wird, setzt daher von Anfang an auf Information und Vernetzung. Bereits beim Kick-off zum Auftakt im September 2023 können Teilnehmende untereinander Kontakt aufnehmen. In kleinen, auch länderübergreifenden Lerngruppen arbeiten sie während des digitalen Studieneinstiegs zusammen. „Wir haben ein gutes Betreuungskonzept und begleiten die Teilnehmenden kontinuierlich“, so Werner. Regelmäßige Sprechstunden und Foren gehören ebenso dazu wie speziell ausgebildete Tutorinnen und Tutoren, die den Lernenden zur Seite stehen. Das DAAD-Netzwerk unterstützt in den Pilotländern in der Beratung von Studieninteressierten und ermöglicht Präsenztreffen für den persönlichen Austausch.

Blended Learning – auf die Mischung kommt es an

Formate wie VORsprung weisen in die Zukunft. Die virtuelle Mobilität von Studierenden werde sich in immer mehr Studienbereichen durchsetzen, prognostizieren mehrere Foresight-Studien zur Entwicklung der Hochschulbildung, die das HIS-Institut für Hochschulentwicklung ausgewertet hat. Neue Lehr- und Lernformen werden demnach die Möglichkeiten einer internationalen Zusammenarbeit in Partnerschaften und Netzwerken erweitern. „Während der internationale Studierendenaustausch kurzfristig zunächst erheblich unter negativen Effekten litt, wird in den COVID-19-bezogenen Studien gleichwohl bestätigt, dass die virtuelle Studierendenmobilität durch umfangreiche Online-Lehrangebote oder vollständig digitale Module oder Kurse langfristig gestärkt werden dürfte“, heißt es in dem Beitrag „Die Zukunft der Hochschullehre neu denken“, der im Magazin für Hochschulentwicklung 2|2022 erschienen ist.

Dabei zeigen Europäische Hochschulnetzwerke wie Unite! bereits, wie ein virtueller Campus der Zukunft aussehen könnte – und welche Rahmenbedingungen es braucht, um virtuelle Mobilität an Hochschulen strukturell zu verankern. Die Technische Universität Darmstadt koordiniert seit 2019 das Netzwerk von Universitäten aus inzwischen neun europäischen Ländern. Unite! versteht sich als Modell eines europäischen Campus, der virtuelle und physische Mobilität miteinander verbindet. Die Partneruniversitäten der Allianz bieten Online-Kurse in ausgewählten Studiengängen an. „Ein wichtiger Strang bei uns sind interdisziplinäre internationale Kurzzeitprogramme, sie waren von Anfang an als hybride Formate vorgesehen“, sagt Dr. Andreas Winkler, Generalsekretär von Unite! an der TU Darmstadt. Blended Learning gehöre die Zukunft, da ist er sich sicher.

© TU Darmstadt/Jana Rüd

“Die Kombination aus Präsenzphasen und virtuellen Lernsettings ermöglicht unterschiedliche Formen des Austauschs, Aufenthalte sind kürzer, verursachen weniger Kosten, erfordern weniger Aufwand und werden von Studierenden besonders stark nachgefragt.”

——Dr. Andreas Winkler, UNITE! Generalsekretär an der Technischen Universität Darmstadt

Erste Auswertungen zeigen eine erfreuliche Bilanz. Die Mobilitätszahlen der Unite! Partnerhochschulen haben sich trotz Pandemie fast verdreifacht. Sowohl die Zahl der traditionellen wie auch der virtuellen Mobilitäten steige an. „Wir erreichen auch deshalb mehr Studierende, weil wir unabhängig von ihrem finanziellen und sozialen Hintergrund Angebote schaffen können“, erklärt Winkler. Aus seiner Sicht ein entscheidender Mehrwert virtueller Mobilität. „Nicht alle Studierenden können es sich leisten, ins Ausland zu gehen. Mit virtuellen Kursen sprechen wir auch Gruppen an, die wir sonst nicht erreichen würden.“

Mehrwert virtueller Mobilität

Der Aufbau einer gemeinsamen europäischen Hochschule ist mit Herausforderungen sowohl akademischer als auch technisch-regulatorischer Art verbunden. In einem ersten Schritt ging es darum, vertragliche Grundlagen und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, so Unite! Generalsekretär Winkler. Den Grundstein legte ein multilaterales Agreement, das Vereinbarungen zu allen wesentlichen virtuellen Aktivitäten der Allianz enthält – von Bewerbungsprozessen, virtuellen Prüfungen oder der Anerkennung von Studienleistungen bis hin zum Verzicht auf Semesterbeiträge von Studierenden der Partnerhochschulen. „Wenn sich jemand in Stockholm oder Breslau für einen einwöchigen virtuellen Kurs einschreibt und dafür Studiengebühren zahlen muss, ist das natürlich nicht attraktiv“, sagt Winkler. „Damit das Ganze funktioniert, mussten wir überhaupt erst einmal einen Status für virtuelle Studierende definieren, der sich auch mit den Einschreiberegelungen und Prüfungsordnungen der beteiligten Hochschulen vereinbaren lässt.“

Ein Meilenstein war die Einrichtung des Unite! Metacampus, eines gemeinsamen Learning Management Systems, das die Studienangebote der Allianz abbildet. Die Lehrenden aller Partneruniversitäten können dabei Online-Kurse auf den bestehenden Lernplattformen der eigenen Universität erstellen und die Angebote zugleich auf der gemeinsamen Plattform für Unite! ausspielen. „Der Metacampus ist unsere Visitenkarte, mit der Plattform werden wir als transeuropäischer Campus nach außen sichtbar“, so Winkler. Jetzt komme es darauf an, auf akademischer Ebene eine möglichst breite Beteiligung zu erreichen und das Kursangebot weiter auszubauen. „Virtuelle Tools bieten auch Lehrenden die Möglichkeit, durch internationale Vernetzung mit Kollegen und Kolleginnen mehr interessante Lerninhalte in die eigene Lehre einzubinden“, so der Generalsekretär. „Unser Ziel ist es, das Beste aus beiden Welten zu verbinden – physisch und virtuell.“

GATE-Germany-Lenkungsausschuss tagt in VR-Umgebung

Es war eine Premiere für den Lenkungsausschuss von GATE-Germany: Bei ihrer letzten Sitzung am 6. März 2023 trafen sich die Mitglieder des Gremiums als Avatare in einem virtuellen Konferenzraum. In der VR-Repräsentanz der RWTH Aachen unternahmen die Teilnehmenden einen Ausflug über den virtuellen Campus und erlebten in einer immersiven, interaktiven Umgebung, welche Möglichkeiten und Chancen Virtual Reality im internationalen Hochschulmarketing eröffnet. Die Präsidentinnen und Präsidenten sowie Rektorinnen und Rektoren von GATE-Germany-Mitgliedshochschulen betonten, dass der emotionale Erlebnischarakter, den VR-Technologien bieten, diese für das internationale Marketing und virtuelle Mobilität besonders interessant und zukünftig noch wichtiger macht. „Ein echter Paradigmenwechsel“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Schareck, Rektor der Universität Rostock. Der immersive Zugang schaffe eine neue Ebene der virtuellen Begegnung, befand DAAD-Präsident und Sprecher des Lenkungsausschusses Prof. Dr. Joybrato Mukherjee. „Schon vor der Pandemie war ich überzeugt, dass es in naher Zukunft einen technologiebasierten Studierendenaustausch geben wird. Unsere virtuelle Ausschusssitzung hat mich darin bestätigt.“

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