Welche Erinnerungen bleiben haften, wenn alte Stadtansichten verschwinden?

Diese Frage stand immer wieder im Raum in den Seminardiskussionen zwischen 2018–2021 zu „Dingkulturen“, „Visionäre der Moderne: Rilke, Kafka, Benjamin“ sowie „Fotografie und Literatur“, u.a. in W.G. Sebalds Die Ausgewanderten. Im Oktober 2019 kamen in einem Werkstattgespräch zwischen dem Schriftsteller Navid Kermani und Fudan-Studierenden in Shanghai Themen wie Architektur und Gentrifizierung zur Sprache. In der Vorbereitung wurde ein Kontrast auffällig: Während aus Europa Zugezogene oft von den alten Shanghaier Gassen, den lòng táng, mit dem Blick von außen schwärmen und den zunehmenden Abriss bedauern, verbinden einige der Studierenden Erfahrungen der Enge und mangelnden Hygiene mit Außenküche und -toilette in den alten Häusern und ziehen die neuen anonymen Hochhäuser als Lebensraum vor.

Städtebilder – Ausstellungsansicht, Text: MAO Siyu, Fotografie: Nicolas Schindler

Nicht verwunderlich gibt es mehrere Bezüge zur omnipräsenten Erneuerung der Stadt. Eine Fotografie zeigt eine gigantische Baustelle, gebrochen durch einen Konvexspiegel. Dazu schreibt HE Chengwei ein Gedicht, in dem es heißt:

Ich schminke mich

mit dem grauen

Himmelslicht, und es wird blau.

Ich sehe das Ge—

schrei einer Baustelle.

Ohne Ton.

Der verschwindende Sonnenschein

flüchtet in mich.

Der Lärm der Megalopolis Shanghai wird suspendiert. Er pausiert in dem langen Gedankenstrich und mündet stattdessen in ein zärtliches Bild.

Das Künstlerbuch Städtebilder wird begleitet von einer Ausstellung, die am Dienstag, den 11. Mai 2021 als festlicher Abschluss des Open House Days von DAAD IC Shanghai und Goethe-Jinchuang Sprachlernzentrum in Anwesenheit von DAAD-Außenstellenleiterin Ruth Schimanowski mit knapp 100 geladenen Gästen eröffnet wurde.

Grußworte von Sakine Weikert (Leiterin des DAAD IC Shanghai & Lektorin an der Fudan Universität), Julia Kittelmann (Pädagogische Leitung des Goethe-Jinchuang Sprachlernzentrums Shanghai), Maximilian Hallensleben (Konsul für Kultur und Presse, Deutsches Generalkonsulat Shanghai), Ruth Schimanowski (Chief Representative DAAD China, Leiterin der DAAD-Außenstelle Peking)
Studierende, Wissenschaftler und Partnerinstitutionen des DAAD bei der festlichen Ausstellungseröffnung im Garten des IC Shanghai

Im Geleitwort zu Städtebilder schreibt Prof. LI Shuangzhi: „Was können die Bilder noch von einer Stadt erzählen, die seit Jahrhunderten intensiv und extensiv fotografiert und dadurch in der visuellen Imagination weltweit stereotypisiert wurde? […] Sie sprechen von der sozialen Dimension des Stadtlebens. Die Ansicht einer engen, menschenleeren Gasse, in deren Mitte sich aufgehängte Wäsche aneinanderreiht, bringt trotz oder gerade wegen der Abwesenheit der BewohnerInnen ein charakteristisches Lebensbild der alten Innenstadt hervor. Verblüffend wirkt es wohl auf das europäische Publikum, dass die Grenze zwischen der privaten Sphäre der Einzelfamilien und dem öffentlichen Raum so gut wie nicht existiert.“

Prof. Dr. LI Shuangzhi (Germanistik, Fudan Universität Shanghai) im Gespräch über Wahrnehmung und kulturelle Differenz in den Städtebildern
Typische Ansicht einer Gasse mit Wäsche im alten Teil von Xuhui, Shanghai

In der intermedialen Konstellation aus Fotografie und Text öffnen sich Spielräume. Von diesen, wie auch der interkulturellen Differenz der Wahrnehmung, leben die Städtebilder mit ihrer Ästhetik des Alltäglichen.

Davon zeugte auch die Lesung von fünf Texten von Liang Jinjie, Han Tianxue, Zhao Yian, Xie Yicheng und Li Na:

Sakine Weikert stellt anlässlich der Lesung ausgewählter Städtebilder die Fudan-Studierenden Liang Jinjie, Han Tianxue, Zhao Yian, Xie Yicheng und Alumna Li Na vor
Lesung des Gedichts von XIE Yicheng

Städtebilder ist ein Projekt kreativer Kollaboration. Die fotografischen Moment-aufnahmen von Nicolas Schindler, Julia Weber (ehemals DAAD-Lektorin an der Deutschabteilung der Tongji Universität, Shanghai) und Sakine Weikert zeigen das Auge von Flaneuren im 21. Jahrhundert. Die Germanistik-Studierenden sowie Alumni der Fudan Universität haben diese Fotografien ergänzt und erweitert. Durch ihre sensiblen sprachlichen Beobachtungen werden die Städtebilder erst zum Leben erweckt. Im Verlauf des Projekts entstand zudem ein fruchtbarer Austausch mit Prof. Dr. LI Shuangzhi.

Booklet zur Ausstellungseröffnung

Das Künstlerbuch Städtebilder wird gefördert durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Die begleitende Ausstellung wurde aus Mitteln der Germanistik der Fudan Universität durch Prof. Dr. LIU Wei ermöglicht.

Weitere Informationen zur wissenschaftlichen Ausrichtung der Germanistik der Fudan Universität in Shanghai.

Sakine Weikert