Wie werden sich Mobilitätsströme wandeln? Wer hat überhaupt Zugang zu einem mobilen Lebensentwurf? Worauf basiert „urbane Identität“? Wie werden Städte nachhaltiger?

„Future Mobility“-Panel

Konzepte von Mobilität im Wandel

Der französische Geschwindigkeitstheoretiker Paul Virilio hat unter dem Begriff der  „Dromologie“ den Zusammenhang von Beschleunigung und Wahrnehmung untersucht. Die Zunahme der Geschwindigkeit führe ins Leere, zu dem, was er im Titel seines Buches „Rasender Stillstand“ nennt. Das menschliche Vorstellungsvermögen komme nicht mehr hinterher.

Bis Anfang 2020 waren immer mehr gut ausgebildete Menschen flexibel und global in stetiger Bewegung – in einer bisweilen überfordernden Hyper-Mobilität. Die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Disruption der physischen Mobilität hat eine Rückwendung zum Lokalen befördert und zugleich einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Für den DAAD, eine der weltweit größten Organisationen für internationalen akademischen Austausch, werden sich Anpassungen ergeben. Wenngleich ein realer Studien- und Forschungsaustausch essentiell bleibt, wird es mehr hybride Lösungen geben. Die wesentliche Anforderung lautet vor allem, zukünftig eine „Nachhaltige Mobilität“ zu schaffen.

Einführende Worte zu einem breiten Mobilitätskonzept durch Moderatorin Sakine Weikert (DAAD IC Shanghai)

Diese Vorüberlegungen führten zu der Ausgangsthese von „Future Mobility“ als „Sustainable Mobility“. Der Panel-Diskussion wurde ein breites Verständnis von Mobilität zugrunde gelegt: a) Mobilität im klassischen Sinn als physische Bewegung in Zeit und Raum und b) Mobilität als geistige Bewegung, Anpassungsvermögen und Fähigkeit zu innovativem Denken.

Konzentriertes Publikum während des Impulses von Gerardo Rossano (VW – SAIC) zu neuesten Entwicklungen im Bereich „Autonomes Fahren“

„Future Mobility“-Impulse und Debatten

Die Veranstaltung gewann durch das heterogene Panel an Spannungsmomenten: Gerardo Rossano, Leiter der Forschungsabteilung von VW SAIC Shanghai, berichtete über die Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer auf autonom fahrende Fahrzeuge im Stadtraum und die Vermeidung von Unfällen.

Han Zheng, Chair Professor für Innovation & Entrepreneurship am Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg der Tongji Universität, gab einen dichten Impuls zu innovativen Businessstrategien, unter anderem am Beispiel des Car Sharing-Unternehmens Ueber.

René Bormann, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Shanghai wünschte sich kürzere Wege in der Stadt und mehr Inklusion. Er hinterfragte, wem die Stadt gehöre und wozu es nötig sei, dass sich ein einzelner Mensch in einem 1,5 Tonnen schweren SUV fortbewege.

Dr. Wolfgang Röhr, Generalkonsul a.D. in Shanghai und Research Fellow am Deutschlandforschungszentrum der Tongji Universität, berichtete aus seiner beruflichen Laufbahn: Zwar alle vier Jahre den Lebensort wechselnd, habe er sich stets in einem Land verankert, eine spirituelle Mobilität kultiviert, viel gelesen und die fremde Sprache gelernt: „Denken wir anders, wenn wir andere Sprachen sprechen?“, fragte er ins Publikum.

Der ehemalige Spitzendiplomat und Jurist Dr. Wolfgang Röhr spricht zu „Spiritual Mobility“

Zweiter Teil der „Future“-Reihe

Die eine Woche später stattfindende Panel Diskussion zum Thema „Future City“ wurde ebenso wie die erste Veranstaltung durch ein fundiertes Grußwort des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in Shanghai flankiert. Schwerpunkt von „Future City“ war der Zusammenhang von Architektur und Nachhaltigkeit.

Maximilian Hallensleben (Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland, Shanghai), Moderator Christian Sommer (German Centre Shanghai) und Simon Berg (anySCALE Architects Shanghai) bei der Eröffnung von “Future City”

„Future City“-Impulse und Debatten

Nicole Umlauf, Leiterin des BMBF-Projektbüros „Sauberes Wasser“ in China, sprach über die Herausforderungen der steigenden Nachfrage angesichts der ebenso essentiellen wie begrenzt verfügbaren Ressource Wasser. Ein Problem seien beschädigte Rohre, durch die allein im Jahr 2019 in Shanghai 467,78 Millionen Kubikmeter aufbereitetes Wasser verloren gegangen seien. Dies entspräche dem Inhalt von 187 Schwimmbecken in Olympia-Größe.

Fanny Hoffmann-Loss (gmp Architects) fragt, ob alle chinesischen Metropolen der Zukunft gleich aussehen werden

Fanny Hoffmann-Loss, Associate Director bei gmp, zeigte die hohe Dichte in Shanghais Städtebaupolitik und fragte, wie angesichts dieser ebenso dichten wie schnellen Entwicklung mit dem kulturellen Bauerbe umgegangen werde: Welche Textur und Identität hat eine Megalopolis noch?

Manuel Scherfer, Vizedirektor der Urban Development Design Group, stellte die Fallstricke der zuletzt doch erfolgreichen Implementation des Passivhaus-Konzepts in China vor, dessen Prototyp sich in Taicang befindet.

Simon Berg, Direktor von anySCALE Architects Shanghai, konzentrierte sich auf Inneneinrichtungen und nachhaltige, auf das menschliche Wohlbefinden fokussierte Designlösungen.

Publikumskommentar zur Bedeutung der Landschaftsarchitektur für eine „Future City“

Strategisches Networking

Neben den inhaltlichen Impulsen standen beide Veranstaltungen ganz im Zeichen der professionellen Vernetzung. Da es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass mehr als 100 TeilnehmerInnen an einem Ort in Präsenz zusammenkommen, genossen alle diese wertvollen Gelegenheiten und führten die Diskussionen in den Netzwerkpausen sowie beim anschließenden Abendessen ausdauernd weiter.

Das Format fand durch die ebenso tiefgründigen wie unterhaltenden Impulse Anklang und inspirierte die Teilnehmer zum Ideentransfer für das eigene Verhalten. Auch die interdisziplinäre Zusammensetzung des chinesisch-deutschen Publikums – ehemalige DAAD- und Deutschland-Alumni aus der Forschung sowie Experten aus der (Kreativ-)Wirtschaft wurde als stimulierend wahrgenommen.

Netzwerkpause
Abendessen und Tombola

Ausblick: Weitere mögliche Zukunftsthemen

Nach dem erfolgreichen Auftakt der „Future“-Reihe zu zukünftigen Entwicklungen in Shanghai und anderen urbanen Zentren sind in 2021/22 weitere durch den DAAD und das German Centre Shanghai organisierte Panels im Kontext von Nachhaltigkeit und Digitalisierung geplant.

Ein nächstes relevantes Thema wäre zum Beispiel „Future Work“. Einige Aspekte klangen bereits im „Future City“-Impuls von Simon Berg an, dessen Büro sich für das Headquarter von Porsche in China verantwortlich zeichnet. Wie flexibel wird post-pandemisch im Büro oder anderswo gearbeitet? Welche Umgebung stimuliert innovatives Denken? Wie hält man wertvolle MitarbeiterInnen, und wie wirkt sich ein nachhaltiges Arbeitsumfeld aus?

 

Sakine Weikert, Leiterin des DAAD IC Shanghai