Vom 20.-22. November 2020 trafen sich DAAD-Lektorinnen und -Lektoren und Ortslektorinnen und -lektoren aus Shanghai, Peking, Nanjing, Shenzhen und Chongqing in den Räumen des DAAD sowie des jüdischen Flüchtlingsmuseums Shanghai, um den vielfältigen Konzeptionen von Heimat aus Perspektive der Germanistik, Sinologie, Architektur und Philosophie nachzuspüren.

Lektorinnen und Ortslektoren des DAAD im Gespräch
Angeregte Gespräche während des Eröffnungsessens

Das Programm wurde mit einem festlichen Abendessen im Yunnan-Restaurant Lost Heaven eröffnet: Anlässlich des Shanghaier Antrittsbesuchs von Ruth Schimanowski, Leiterin der DAAD-Außenstelle Peking, waren auch die Dekaninnen und Dekane der Deutschabteilungen mit angebundenen DAAD-Lektoraten anwesend. Die Generalkonsulin in Shanghai, Dr. Christine D. Althauser, bestärkte in ihrem herzlichen Grußwort die Relevanz der Wissenschaften und des DAAD als Mittler der deutschen akademischen Kultur in China.

Prof. Dr. Chen Zhuangying (SISU), Dr. Christine D. Althauser (GK Shanghai), Ruth Schimanowski (DAAD AS Peking)
Prof. Dr. SONG Jianfei (East China Normal University), Prof. Dr. Liu Wei (Fudan), Prof. Dr. Chen Zhuangying (SISU), Xu Jingwei (USST)

Ruth Schimanowski eröffnete die Tagung und gab wichtige Einblicke in aktuelle Entwicklungen im DAAD sowie in der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit. Der Wissenschaftskonsul Richard Cuntz sprach in einem umfassenden Grußwort zum Stand der wissenschaftspolitischen Beziehungen aus Perspektive des Generalkonsulat Shanghai.

Ruth Schimanowski (DAAD AS Peking)
Grußwort durch Richard Cuntz (Konsul Wissenschaft, GK Shanghai)

Das Thema „Heimat.Fluchtpunkte“ ist von historischer Kontinuität, ebenso wie von aktueller Dringlichkeit. Gerade in Krisenzeiten wirkt das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit zu einer sozio-kulturellen Gemeinschaft stabilisierend und (überlebens-) notwendig: Sei es während des II. Weltkriegs, als über 20.000 europäische Juden nach Shanghai flüchteten und im damaligen Bezirk Hongkew aufgenommen wurden oder während der transkontinentalen Flucht- und Migrationsbewegungen der letzten Jahre. Durch den Tagungsort bot sich den Lektorinnen und Lektoren die Gelegenheit, die Ende 2020 erweiterten, multimedialen Ausstellungsräume des jüdischen Flüchtlingsmuseums Shanghai mit Expertenführung exklusiv zu besichtigen.

The Wall of Names / Wand mit den Namen jüdischer Flüchtlinge in Shanghai

Der Topos Heimat wurde diskutiert (a) als transitorischer Raum, (b) als symbolischer oder tatsächlicher Ort, (c) als Konzept, das konstruiert und dekonstruiert werden kann. Plurale Entwürfe von Heimat und Identität infolge von Exil, Entwurzelung oder selbst gewähltem Unterwegssein prägen die Gegenwart ebenso, wie der Wunsch, sich in eine Tradition einzuschreiben. Der Topos umreißt die Melancholie eines heimeligen Gefühls, welches oftmals bereits im Verschwinden begriffen ist. Es zeigt sich im Aufbewahren einer Reminiszenz von Heimat in Sprache und Schrift, im Essen und im Ritual, in der Architektur und in der materiellen Kultur.

Die Vortragenden beleuchteten eben jene Bereiche als mögliche Verortungen von Heimat. Fanny Hoffmann-Loss (Architektin bei gmp Shanghai, Kuratoriumsmitglied bei Shanghai Flaneur) gab zu Bedenken, dass Heimat gerade für globalisierte Weltbürger eine Frage der Perspektive sei, zu der nicht nur zähle, wieviel Lebenszeit man an einem Ort verbracht habe, und wie prägend diese Phase gewesen sei.

Fanny Hoffmann-Loss (gmp, Shanghai Flaneur) zum Thema „Gebaute Heimat“

Versuche, eine „gebaute Heimat“ zu erzeugen, zeigen sich z.B. im „Schwarzwald Shanghai“-Bauprojekt, nur dass dieser hyper-urbane Schwarzwald sich eingezwängt und auf Dächern inmitten von Hochhäusern befinde. Zudem zeigte sie anhand zahlreicher historischer Fotografien, wie sich die jüdischen Exilanten in Hongkew versuchten, in der neuen Situation räumlich einzurichten.

Prof. Dr. Liu Wei im Vortrag über „Kulinaristik im Exil“

Das jüdische Exil ist auch Forschungsschwerpunkt von Prof. Dr. Liu Wei (Fudan Universität). Sein Vortrag „Kulinaristik und Exil – Essen als Konfiguration von Heimat“ behandelte das Kulturphänomen Essen anhand des Kulinaristik-Konzepts von Alois Wierlacher, der verschiedene Ebenen unterscheidet: Essen als physische Notwendigkeit (Nutrition), zur Herausbildung einer sozio-kulturellen Identität (Kultur) und als Beziehungsgeflecht (Gastlichkeit). Diese Funktionen und Rituale zeigten sich nach Ankunft der jüdischen Flüchtlinge in Shanghai, indem sie sich ein Klein-Wien mit Würstelstand und zahlreichen anderen Resten von Heimat schufen.

Prof. Dr. Thomas Zimmer (Tongji Universität)

In nahezu allen Vorträgen wurde die Konzeption von Heimat im deutsch-chinesischen Vergleich betrachtet. Der Sinologe und Leiter des Zentrums für Chinesisch-Deutschen Gesellschaftlich-Kulturellen Austausch der Tongji Universität Prof. Dr. Thomas Zimmer bot mit seinem umfassenden komparatistischen Wissen Einblicke, wie Heimat in den Reisebeschreibungen der chinesischen Literatur – in Li Lüyuans „Laterne an der Wehkreuzung oder Li Ruzhens Spiegel und Blumen in seltsamer Beziehung“ – aufgefasst wurde.

Teezeremonie von Prof. Dr. Volker Heubel (Tongji Universität)

Ein kontemplatives Element entstand im Anschluss während des Vortrags „Das Teilen einer Schale Tee - Heimischwerden in der Fremde?“ des Philosophen Prof. Dr. Volker Heubel (Tongji Universität), der mit der fachkundigen Durchführung einer Teezeremonie begann. Er verwies auf die berühmte „Madeleine-Szene“ bei Proust, wo der Auslöser einer spontanen Erinnerung an die Heimat, die memoire involontaire, eben der Geruch des Gebäckstücks und sein Eintauchen in den Tee ist. Die Spannung von Vertrautheit und Fremdheit als Grundsituation menschlicher Existenz würde sich im Übungsprozess des ostasiatischen Teeweges widerspiegeln. Insofern könne bereits etwas Immaterielles wie ein Geruch von rotem Tee für ein vertrautes Gefühl in der Ferne sorgen.

Netzwerken und fachlicher Austausch
Stärkung während der Pausen

Zuletzt schaltete sich Prof. Dr. Simone Schiedermair (Friedrich-Schiller-Universität Jena) aus Deutschland zu, um Flucht und Migration in der Gegenwartsliteratur, z.B. in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ oder Sherko Fatahs „Das dunkle Schiff“ zu untersuchen und Perspektiven des Themas für den DaF-Unterricht aufzuzeigen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lektorentreffens 2020 auf dem Balkon des DAAD- Informationszentrum Shanghai

Der zweite Konferenztag bot die Möglichkeit, in einem von Dr. Gudrun Lörincz (Tongji Universität) angeleiteten Workshop, persönliche Figurationen von Heimat zu diskutieren und Anregungen aus den Vorträgen weiterzudenken. Zu den Themen zählten, wie wichtig ein Konzept von Heimat und Zugehörigkeit gerade in Krisenzeiten sei. Viele hatten 2020 selbst die Erfahrung gemacht, ungewollt an einem Ort festzusitzen, der eigentlich Heimat, jedoch zugleich unvertraut geworden war. Den Abschluss des inhaltlichen Schwerpunktes bildete Prof. Dr. Andreas Wistoffs Beitrag zu „Literarischen Inseln als gesellschaftliche Fluchtorte“ (Renmin Universität Peking).

Darüber hinaus stellte Dr. Daniel Jach (Shanghai Normal Universität) sein korpuslinguistisches Projekt vor, und Karin Benkelmann-Zhang vom Goethe Institut Peking präsentierte die gerade erschienene „GI-Studie“ zum digitalen Fremdsprachenlernen.

Da 2020 in China sämtliche Konferenzen und damit auch Gelegenheiten des physischen Zusammenkommens ausfielen, herrschte unter allen Teilnehmenden eine besonders große Wertschätzung dieser ersten Möglichkeit des fachlichen Austauschs in Präsenz. Entsprechend der Tendenz zu Hybridformaten innerhalb des DAAD wurde ein Großteil der Konferenz zugleich nach Deutschland gestreamt, um jene DAAD-Lektorinnen und Lektoren einzubinden, die zu dem Zeitpunkt noch nicht nach China zurückgekehrt waren.

Moderatorin Sakine Weikert und Online-Konferenzteilnehmer

Inhaltlich konzipiert und moderiert von Sakine Weikert, Leiterin des DAAD-Informationszentrum Shanghai sowie Lektorin der Fudan Universität, wurde das Treffen zudem gemeinsam mit der DAAD-Außenstelle Peking sowie der Fudan Universität organisiert, der großer Dank für die stets fruchtbare Zusammenarbeit gebührt. Für das DAAD-Lektorentreffen 2021 wird es eine Fortsetzung des germanistischen Austauschs zu einem anderen Schwerpunktthema aus dem Bereich Linguistik, DaF, Literatur oder Kultur geben.