Vor mehr als 30 Jahren nahmen an den US-amerikanischen Universitäten in Berkeley, Georgetown und Harvard die ersten drei Zentren für Deutschland- und Europastudien (ZDES) ihre Arbeit auf. Die aus Mitteln des Auswärtigen Amts (AA) finanzierte DAAD-Förderung hat inzwischen zu einem weltumspannenden Netz aus insgesamt 20 Zentren geführt. Zum Jubiläum stellen wir in einer Serie beispielhaft die Arbeit einiger Standorte näher vor. Im dritten Teil steht das Zentrum für Deutschlandstudien (ZDS) an der Universität Peking im Fokus, das in Lehre, Forschung und wissenschaftlichem Austausch mit zwei Berliner Universitäten zusammenarbeitet.

Zu erfahren, wie das gegenwärtige Deutschland international wahrgenommen wird, sich darüber interdisziplinär auszutauschen und auf wissenschaftlicher Ebene Freundinnen und Freunde Deutschlands im Ausland zu finden – das sind die wichtigsten Ziele der 20 weltweit vertretenen Zentren für Deutschland- und Europastudien. „Heute, 30 Jahre nach Programmstart, bilden sie ein einzigartiges Netzwerk von Einrichtungen an herausragenden akademischen Standorten, wo sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen und Disziplinen mit der Rolle Deutschlands beschäftigen“, sagt Georg Krawietz, Leiter des DAAD-Referats Projektförderung deutsche Sprache und Forschungsmobilität (PPP).

Einen besonders engen Wissenschafts- und Personalaustausch mit deutschen Hochschulen pflegt dabei das Zentrum für Deutschlandstudien an der Universität Peking. Konzeptionell interagiert die chinesische Topuniversität seit Gründung des ZDS 2005 in einer strukturellen Gemeinschaft mit der Freien Universität Berlin (FU) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Die finanzielle Förderung des Zentrums durch das AA hat der DAAD vor Kurzem erst für weitere fünf Jahre bis Ende 2026 verlängert.

Campus der Universität Peking, wo das Zentrum für Deutschlandstudien angegliedert ist.

Gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft in Europa und Ostasien -  die Ostasiatische Zentrenskonferenz

Hier geht es zum Artikel über das treffen der Forschenden und Nachwuchswissentschaftler.

Jahrhunderte altes Interesse an Deutschland

„Im Mittelpunkt des ZDS stehen die geistig-kulturellen Traditionen Europas, die Stellung Deutschlands in der europäischen Geistesgeschichte sowie die für die deutsche Geschichte und Kultur typischen Phänomene“, erklärt der Direktor des Zentrums für Deutschlandstudien an der Universität Peking, Professor Liaoyu Huang. Bürger- und Eigentum, Aufklärung und Romantik, kulturelles Gedächtnis und Tabus, Nation und Nationalismus – all dies waren bereits Themen auf Symposien oder Konferenzen. Huang: „Dabei nehmen wir insbesondere die Auswirkungen auf das heutige Deutschland und dessen Beziehung zu China in den Fokus.“

Das starke Interesse Chinas an Deutschland reicht bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, erläutert der Professor. Damals nahmen sich die chinesischen Intellektuellen, die den Weg der Modernisierung Chinas suchten, das vereinigte Deutsche Reich zum Vorbild. „Heute interessiert uns Deutschland zum einen wegen seiner starken Wirtschaft und führenden Rolle in der EU und zum anderen als das legendäre Land der Zähigkeit, das nach dem Zweiten Weltkrieg zügig den Wiederaufstieg vollbrachte“, sagt der ZDS-Direktor.

Prof. Liaoyu Huang ist Direktor des Zentrums für Deutschlandstudien (ZDS) an der Universität Peking.

Viele Studierende promovieren in Deutschland

Kernstück der Lehre am ZDS ist der interdisziplinäre, kooperative Masterstudiengang „Deutsche Kultur und sozialer Wandel“, über den jährlich bis zu 15 Absolventinnen und Absolventen unterschiedlicher Fachgebiete zu Deutschlandexpertinnen und -experten ausgebildet werden. Ein zehnmonatiger Aufenthalt in Berlin ist fester Bestandteil des Curriculums. Hier wird oft der Grundstein für weitergehende deutsch-chinesische Beziehungen gelegt. „So hatten sich etwa bis 2020 rund 40 Prozent der Absolventinnen und Absolventen für eine Promotion überwiegend in Deutschland entschieden“, zitiert Huang die Statistik.

Themen neu denken

Lehrende der beiden Partneruniversitäten übernehmen im Rahmen des Masterstudiengangs oft auch vor Ort in Peking Kurzzeitdozenturen und betreuen Masterarbeiten. „Außerdem tragen deutsche Gaststudierende als Tutorinnen und Tutoren zur Sprachausbildung bei und belegen selbst Veranstaltungen an der Peking-Universität“, berichtet Professor Martin Heger von der HU Berlin. Dem Rechtsprofessor gefällt vor allem der interdisziplinäre Ansatz der gemeinsamen Projekte. „Es bringt uns alle weiter, ein bestimmtes Thema aus den unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen und landesspezifischen Blickwinkeln zu betrachten“, sagt er. Natürlich sei ein so enger Kontakt zu einer der absoluten Topuniversitäten in China auch aus anderen Gründen für eine deutsche Hochschule sehr wertvoll: „Wir sprechen von einem Land, das geopolitisch extrem an Bedeutung gewinnt.“ Zugleich sei den Vertreterinnen und Vertretern der beiden deutschen Universitäten sehr daran gelegen, dass alle drei Partner auf Augenhöhe agieren. „Die Themen, die wir gemeinsam behandeln, legen wir auch gemeinsam fest. Dabei muss klar sein, dass wir darüber sowohl in Deutschland als auch in China inhaltlich frei reden können“, betont der Professor. Allerdings sei in jüngster Zeit eine inhaltliche Verschiebung der Themen zu beobachten. „Aktuelle zivilgesellschaftliche Themen werden von Peking ausgehend zunehmend in einen fundamentaleren, historischen Kontext oder in die Regionalforschung eingebettet“, so Heger.

Prof. Dr. Martin Heger ist am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Europäisches Strafrecht und Neuere Rechtsgeschichte der HU Berlin tätig.

Unterstützung vom KIWi

Dass Hochschulkooperationen zwischen Deutschland und China seit Beginn der Präsidentschaft von Xi Jinping 2013 von deutscher Seite häufiger als Gratwanderung betrachtet werden, beobachtet Friederike Schröder, Koordinatorin des DAAD-Regionalwissens zu China im „DAAD-Kompetenzzentrum für Internationale Wissenschaftskooperationen“ (KIWi), das deutsche Hochschulen in der Anbahnung und Durchführung internationaler Hochschulkooperationen berät. Mit länder- und themenspezifischen Dialog-, Informations- und Beratungsangeboten trägt KIWi dazu bei, dass internationale Kooperationen auch unter komplexen Rahmenbedingungen gelingen können. In China ist der DAAD mit einer Außenstelle in Peking sowie je einem Informationszentrum in Shanghai und Guangzhou vertreten. „Die dortige politische Entwicklung und der mögliche Einfluss der Kommunistischen Partei auf Wissenschaft und Lehre ruft vor allem bei Hochschulen, die in China neu Fuß fassen wollen, Unsicherheit hervor“, sagt Schröder. Deutsche Hochschulen seien weiterhin sehr interessiert an einem wissenschaftlichen Austausch, fragten sich aber, zu welchem Preis. „Bei uns sind Lehre und Wissenschaft frei. In China dient Wissenschaft vorrangig dem Zweck, den Zielen der Partei zu entsprechen und den nationalen Wohlstand voranzubringen“, erklärt die DAAD-Referentin, die auch zum Umgang mit den Fallstricken internationaler Forschungskooperationen berät.

Friederike Schröder ist im DAAD-Kompetenzzentrum für Internationale Wissenschaftskooperationen (KIWi) die Koordinatorin des DAAD-Regionalwissens zu China.

Eine Abwägungsfrage

Dabei gibt es viele gute Gründe, mit einer der 3.000 chinesischen Hochschulen zusammenzuarbeiten. „Etwa um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu diversifizieren oder das eigene Forschungs- und Studienfeld über aktuelle Erfahrungen aus China weiterzuentwickeln“, sagt Schröder. In China fließe zudem viel Geld in ausgewählte Forschungsbereiche; deren Ausstattung sei daher oft auch im internationalen Vergleich herausragend. „Und schließlich gibt es eine Menge globaler Fragen, die sich ohne eine Beteiligung Chinas als eines der größten Länder schlichtweg nicht lösen lassen.“ Aus Sicht der DAAD-Expertin resultiert die Unsicherheit oft aus dem Unbekannten. Daher gelte es, sich vor einer internationalen Kooperation gut mit dem jeweiligen Land, seiner Kultur und dem wissenschaftlichen System auseinanderzusetzen. „Vor allem aber muss sich jede Hochschule im Vorfeld bewusst machen, welche Ziele sie selbst verfolgt. Diese muss sie transparent mit den potenziellen Partnern diskutieren und sollte keine Scheu haben, Fragen zu stellen“, rät Schröder. KIWi unterstützt Hochschulen bei dem Prozess mit individueller Beratung, Workshops oder Podiumsdiskussionen und sorgt für einen Erfahrungsaustausch mit Hochschulen, die bereits mit wissenschaftlichen Einrichtungen in China kooperieren – wie die FU und die HU. Beide profitieren davon, dass sich die jeweiligen Akteurinnen und Akteure bereits lange und gut kennen und so über die Jahre eine gemeinsame Basis entstanden ist.

Melanie Rübartsch (25. November 2021)