Hochschullandschaft in China

China hat in den letzten Jahren einen rasanten Ausbau seines Hochschulsystems erlebt. So stieg die Zahl der staatlich anerkannten regulären Hochschulen im Zeitraum 2000 bis 2012 um mehr als das Doppelte von 1.041 auf 2.442. Die Hochschullandschaft ist sehr vielfältig und besteht aus unterschiedlichen Hochschultypen. Vierjährige grundständige Studiengänge (benke 本科) werden mittlerweile von 1.145 Hochschulen angeboten, von denen wiederum über 350 kommerzielle sogenannte „Unabhängige Institute“ mit niedrigeren Zulassungsvoraussetzungen und dafür höheren Studiengebühren sind. 1.297 chinesische Hochschulen bieten ausschließlich zwei- oder dreijährige eher beruflich ausbildende Studiengänge (gaozhi 高职 bzw. zhuanke 专科) an.

Der Zugang zu all diesen Hochschulen wird durch die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung (gaokao 高考) geregelt, die jährlich in der ersten Juniwoche in ganz China stattfindet und für die berufliche Zukunft der Chinesen von entscheidender Bedeutung ist. Weitere mehr als 1.200 Einrichtungen der Erwachsenenbildung sowie private Hochschuleinrichtungen ergänzen die chinesische Hochschullandschaft.

Wer in China nach seinem Bachelor-Abschluss weiter studieren möchte, kann an 811 Hochschulen und Forschungseinrichtungen seinen Master und seine Promotion machen. Die Regelstudienzeiten betragen in den grundständigen Studiengängen (benke) für den Bachelor acht Semester, für einen Master je nach Studienfach vier bis sechs Semester und für eine Promotion zwischen sechs und zehn Semester. Die Zahl der Studierenden stieg von 2000 bis 2012 um das Vierfache auf über 31 Millionen an. 2012 verließen 6.8 Millionen Absolventen die Hochschulen (Quelle http://www.chinanews.com/edu/2012/06-25/3982439.shtml), während 6.8 Millionen Studienanfänger (bei knapp 9,12 Millionen Teilnehmern im Jahr 2013 an der gaokao) aufgenommen wurden. Das entspricht einer Zulassungsquote von knapp 75% (Quelle: http://edu.people.com.cn/n/2013/0503/c116076-21359059.html).

Entwicklung der Zahlen von Hochschulen, Studierenden, Absolventen und Hochschullehrern 2000–2012

Kategorie200020102012Steigerung 2000–2012
Reguläre Hochschulen1.0412,3582,442134,6%
Hochschulen mit vierjährigen grundständigen Studiengängen5991,1121,14591,2%
Berufsbildende Hochschuleinrichtungen4421,2461,297193,4%
Institutionen, die Masterabschluss oder Promotion anbieten7387978119,9%
Zugelassene Studienanfänger2,2 Mio.6,8 Mio.6,8 Mio.209%
Studierende an regulären Hochschulen insgesamt5,8 Mio.23,8 Mio.31,5 Mio. 443,1%
Studierende in vierjährigen grundständigen Studiengängen4,1 Mio.12,6 Mio.14,3 Mio.248,8%
Absolventen an regulären Hochschulen insgesamt949.7675.754.2456,8 Mio.616%
Studierende in Masterstudiengängen 233.9001.279.4661.436.008514%
Masterabsolventen47.565332.585 431.431807%
Studierende in Promotionsstudiengängen67.293258.950283.810321,8%
Promovenden11.00447.47050.399358%
Hochschullehrer insgesamt462.7721.343.1272.254.372387,1%
Ordentliche Professoren43.674148.552169.423287,9%
Quelle: Chinesisches Bildungsministerium, 2012; Zusammenstellung: DAAD-Außenstelle Peking

Unterscheidet man die Hochschulen anhand der verwaltenden Institution, so ergibt sich folgende Übersicht:• direkt dem chinesischen Bildungsministerium (MoE) unterstellte Hochschulen • direkt anderen Ministerium oder Ämtern unterstellte Hochschulen (z.B. Verteidigungsministerium, Staatliche Kommission für nationale Minderheiten, Zivile Luftfahrtbehörde u.a.) • der Provinz- oder Stadtadministration unterstellte Hochschulen • private Hochschulen

Den größten Teil machen dabei die provinziell verwalteten Hochschulen aus. Direkt dem MoE unterstellt sind hingegen nur 73 Hochschulen. Die Aufteilung der Hochschulen nach der verwaltenden Institution ist das Ergebnis der 1999 begonnenen Dezentralisierungsbestrebungen der chinesischen Regierung im Bildungsbereich.

Die den Ministerien und Ämtern unterstehenden Hochschulen bekommen die meisten Ressourcen und so auch die besten Hochschullehrer. Sie genießen den höchsten Status und können Studenten aus dem ganzen Land rekrutieren. Hochschulen, die dagegen den Provinzen unterstehen, nehmen überwiegend Studenten aus der eigenen Provinz auf.

Eine besondere Rolle spielen die Schwerpunkthochschulen des „211-Projekts“ und des „985-Projekts“. Als eines der Schwerpunktprojekte des Neunten Fünfjahresplans (1996 – 2001) wurde das „211-Projekt“ ins Leben gerufen, um die 100 besten Hochschulen für das 21. Jahrhundert (daher „211“) zu identifizieren und besonders zu fördern. Diese Hochschulen bzw. Fachbereiche sollen hinsichtlich der Ausbildung, Forschung und Verwaltung höchstes internationales Niveau erreichen. Zurzeit werden 112 Hochschulen im „211-Projekt“ gefördert. Eine Liste der „211-Hochschulen“ finden Sie hier.

Die heute 39 Hochschulen des „985-Projekts“ sind noch einmal besonders ausgewählte Hochschulen des „211-Projekts“. Sie sind die am höchsten geförderten Hochschulen in China und gelten als die besten des Landes. Der damalige Staats- und Parteichef Jiang Zemin hatte anlässlich der 100-Jahrfeier der Peking-Universität im Mai 1998 (daher 98-5) dieses Projekt mit seiner Forderung, dass China Hochschulen mit Weltniveau brauche, ins Leben gerufen. Eine Liste der „985-Hochschulen“ finden Sie hier.

Chinesischer Bildungsreformplan 2020

Bisher ist das Ziel, die Ausbildungsqualität an chinesischen Schulen und Hochschulen zu erhöhen, nicht im gewünschten Maße erreicht worden. Insbesondere Hochschulabsolventen haben große Probleme, einen adäquaten Job zu finden, was vor allem daran liegt, dass sie nicht genügend auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Gleichzeitig fehlen aber in den Unternehmen gut ausgebildete Fachleute.

Die Hochschulausbildung ist weiterhin zu theoretisch und zu wenig praxisnah. Um diesen bekannten Problemen zu begegnen, hat die chinesische Regierung unter Leitung von Ministerpräsident Wen Jiabao eine Initiative ergriffen, das Bildungssystem nachhaltig zu reformieren. In den Diskussionen wurden im Hochschulsystem vor allem folgende Punkte bemängelt:

• Ein Mangel an hoch qualifizierten Wissenschaftlern und Lehrkräften führt zu schlechter Ausbildung und Betreuung.

• Die Hochschulen sind zu homogen, es gibt zu wenig Differenzierung: Alle verfolgen die gleichen, von oben vorgegebenen Ziele, unabhängig von der Größe der Institution und den zur Verfügung stehenden Ressourcen.

• Die Hochschulen sind nicht selbstständig genug in ihren Entscheidungen und werden zu eng von den zuständigen Ministerien kontrolliert. Da die Präsidenten der wichtigsten chinesischen Hochschulen gleichzeitig im Rang eines Vize-Ministers stehen, haben viele Hochschulen allerdings Bedenken, durch das Streben nach einer „zu großen“ Autonomie ihre äußerst wichtigen guten Beziehungen zu den Ministerien zu verlieren.

• Zwischen der Ostküste und dem Rest des Landes sowie zwischen Stadt und Land herrscht große Unausgewogenheit.

• Viele Hochschulen, vor allem diejenigen, die nicht zu den besonders geförderten Programmen der chinesischen Spitzenhochschulen, den „985- und 211-Projekten“, zählen, sind ungenügend finanziert.

Diese von der Regierung angestoßene Diskussion führte schließlich zu dem im Juli 2010 verabschiedeten Bildungsreformplan, dem „Überblick über Chinas staatlichen Plan zur mittel- und langfristigen Reform und Entwicklung der Bildung (2010–2020)“. In diesem Plan werden alle Bereiche des chinesischen Bildungswesens von der Vorschulerziehung über die Schulbildung bis hin zu universitärer und Berufsausbildung sowie Weiterbildung angesprochen. Dabei werden zum Teil sehr konkrete Ziele genannt. So soll bis 2012 der Anteil der staatlichen Bildungsausgaben am BIP von 3,66 Prozent (2010) auf 4 Prozent erhöht werden. Bis 2020 werden weitere konkrete Ziele genannt:

InhaltEinheit200920152020
Zahl der Kinder in KindergärtenMillionen26,5834,040,0
Zahl der Schüler mit neunjähriger PflichtschulzeitMillionen157,72161,0165,0
Zahl der Schüler in oberer Mittelschule (inkl. Berufsschulen)
Anteil am jeweiligen Jahrgang
Millionen
%
46,24
79,2
45,0
87,0
47,0
90,0
Zahl der Berufsschüler in schulischer Ausbildung
Zahl der Schüler in höherer Berufsbildung
Millionen
Millionen
21,79
12,8
22,5
13,9
23,5
14,8
Zahl der Studierenden in tertiärer Ausbildung (inkl. Berufsbildung)
Zahl der Studierenden im Campus
davon Postgraduierte
Anteil am jeweiligen Jahrgang
Millionen

Millionen
Millionen
%
29,79

28,26
1,4
24,2
33,5

30,8
1,7
36,0
35,5

33,0
2,0
40,0
Quelle: Chinesischer Bildungsreformplan 2020, Zusammenstellung: DAAD-Außenstelle Peking

In Bezug auf die Reformierung und Entwicklung des chinesischen Hochschulwesens werden folgende Punkte betont:

1. Sehr viel mehr Wert als bisher soll auf die Ausbildung von jungen Talenten auf allen Ebenen schulischer, universitärer oder berufsbildender Ausbildung gelegt werden. Ziel muss es sein, in Anwendung und Forschung Spitzenkräfte heranzubilden, die innovativ und zu mehr Handlungskompetenz und sozialer Verantwortung erzogen werden.

2. Wichtig ist dafür neben einer verbesserten Infrastruktur vor allem eine Verbesserung in der Lehre. So soll im Unterricht in Zukunft mehr Wert auf Diskussionen gelegt werden, die Studierenden sollen sich aktiver beteiligen. Ziel der Ausbildung soll ein höheres Maß an unabhängigem und innovativem Denken sein. Die Gehälter von Lehrern und deren soziale Reputation sollen steigen. Die Lehrqualität soll ständig evaluiert und garantiert werden. Die Laufzeiten für das Studium sollen flexibilisiert werden.

3. Es sollen Spitzenhochschulen aufgebaut werden, und zwar sowohl forschungs- als auch anwendungsorientierte. Dafür sollen das „211-Projekt“ und das „985-Projekt“ weitergeführt werden. Das „985-Projekt“ mit seinen 39 Spitzenhochschulen wurde 2010 in die dritte Förderperiode mit einer Dauer von drei Jahren geführt. Dabei wurde die staatliche Förderung teilweise verdoppelt.

4. Die Hochschulen sollen in einigen Bereichen, wie zum Beispiel bei der Zulassung von Studierenden und in der Zielsetzung eigener Schwerpunkte, unabhängiger von der Regierung werden und so eine vielfältigere Hochschullandschaft schaffen können. Dazu sollen unter anderem die Zulassungsregeln geändert und den Hochschulen trotz der zentralen „gaokao“ mehr eigene Entscheidungsbefugnisse eingeräumt werden. Erste derartige Versuche gibt es von einigen neu gegründeten Bündnissen chinesischer Hochschulen, die ergänzend zur gaokaoeigene Auswahlverfahren durchführen.

5. Die bisher stark benachteiligten Regionen in Zentral- und Westchina sollen stärker gefördert werden, unter anderem durch höhere Zulassungsquoten von Studienbewerbern aus diesen Regionen.

6. Die Forschung soll intensiviert, der Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft beschleunigt werden.

7. Die bisher zu kurz gekommenen Sozialwissenschaften sollen zukünftig in der Forschung stärker gefördert werden.

8. Von besonderer Bedeutung für deutsche und internationale Hochschulen ist der Plan, die chinesischen Hochschulen stärker als bisher zu internationalisieren. Dazu sind vor allem folgende Vorhaben vorgesehen:

A. Es sollen in unterschiedlichen Formen insbesondere Modellprojekte mit renommierten internationalen Partnern initiiert und gefördert werden. Kommerzielle Projekte sollen dagegen nicht unterstützt werden.

B. Ausländisches Know-how soll über den Austausch von Wissenschaftlern und Personal eingeführt werden. Mehr internationale Spitzenkräfte sollen für die chinesischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen gewonnen und der Anteil ausländischer Lehrkräfte erhöht werden.

C. Besonderer Wert wird auf eine vermehrte gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen und Studienabschlüssen sowie von Doppelabschlüssen gelegt. Der Austausch von Studierenden und Lehrenden soll stärker gefördert werden.

D. Im Jahr 2020 soll die Zahl ausländischer Studierender in China auf 500.000 gewachsen sein, von denen 150.000 einen Abschluss in China machen sollen. Dafür soll die Zahl angebotener Kurse in Fremdsprachen (vor allem Englisch) steigen.

E. Die Zusammenarbeit in der Grundlagenforschung wie in der angewandten Forschung soll durch einen vermehrten Austausch intensiviert werden. F. Chinesische Spitzenhochschulen werden aufgefordert, im Ausland eigene Studienangebote einzurichten. Chinesisch als Fremdsprache soll im Ausland vor allem über die Konfuzius-Institute verstärkt propagiert werden.

Eine in dieser Form bisher nicht formulierte von oben vorgegebene Internationalisierungsstrategie chinesischer Bildungseinrichtungen bietet internationalen Partnern nun verstärkt die Möglichkeiten einer noch effektiveren Zusammenarbeit als bisher. Chinesische Hochschulen sind aufgefordert, ergebnisorientierter als bisher international zu kooperieren, und es ist bereits jetzt zu beobachten, dass mehr qualifizierte Anfragen nach Kooperationspartnern in Deutschland an der DAAD-Außenstelle in Peking eingehen als in den Jahren zuvor. Ein konkretes Ergebnis ist zudem, dass der langjährige Stau in der Bearbeitung von Genehmigungsanträgen internationaler Bildungsprojekte nun vom Bildungsministerium aufgelöst wurde und in Zukunft wieder mit schnelleren Bearbeitungszeiten gerechnet werden kann.

Es muss sich nun zeigen, wie ernsthaft die Regierung diesen Bildungsreformplan auch umsetzen wird und ob sie die sicher in großer Zahl vorhandenen Schwierigkeiten überwinden kann. China hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, sich von der „Werkbank der Welt“ zu einer innovationsgetriebenen Gesellschaft zu wandeln. Man hat erkannt, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn das Bildungssystem entsprechend angepasst und reformiert wird.