Aha-Effekte in der deutschsprachigen Lyrik

Eine interkulturelle Germanistiktagung an der Peking Universität

Aha-Effekte in der deutschsprachigen Lyrik– zu diesem Thema fand am 20. und 21. September eine interkulturelle literaturwissenschaftliche Tagung am Institut für Germanistik der Peking Universität statt. Hierbei trafen die drei deutschsprachigen Lyriker Ann Cotten, Steffen Popp und Dirk von Petersdorff mit Germanistinnen und Germanisten aus Deutschland, Österreich und China zu spannenden Vorträgen und Diskussionen zusammen.

Clemens Treter

Clemens Treter

Ermöglicht wurde diese Veranstaltung durch eine erfolgreiche Kooperation zwischen dem DAAD, namentlich den Pekinger DAAD-Lektoren Dr. Benjamin van Well (PKU), Dr. MarleenTriebiger (UIBE) und Dr. Ulrich Eschborn (BIT), der OeAD-Lektorin Mag. Stephanie Godec (PKU), dem Goethe Institut, dem Österreichischen Kulturforum und dem Institut für Germanistik der Peking Universität. Eingestimmt wurde in die Tagung durch Grußworte von Dr. Clemens Treter (Leiter des Goethe-Instituts Peking), Enrico Brandt (Kulturreferent der Deutschen Botschaft Peking) und Prof. Dr. Huang Liaoyu (Dekan des Instituts für Germanistik der Peking Universität).

Die Tagung gab den Hörerinnen und Hörern einen multiperspektivischen Blick auf das Thema Lyrik: In drei Sektionen diskutierten Dichter mit Mediävisten, Neugermanisten, Medienwissenschaftlern, Übersetzern und Linguisten darüber, wie Gedichte durch ihre Machart eine plötzliche, unerwartete Erkenntnis beim Rezipienten zeitigen, welche Strategien Lyrikerinnen und Lyriker einsetzen, um den Rezipienten zu einem Aha-Erlebnis zu führen, und welche Schwierigkeiten sich bei der Übersetzung solcher Effekte in eine andere Sprache, v.a. ins Chinesische oder umgekehrt ins Deutsche, ergeben können.

Christoph Deupmann

Christoph Deupmann

In der Sektion der Lyriker wurde die Kategorie Verstehen mit Bezug auf neue Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften und am Beispiel moderner Gedankenlyrik diskutiert und der Versuch unternommen, diesen Begriff von dem der Scheinerkenntnis abzugrenzen. Weiter wurden Überlegungen angestellt zu Aspekten poetischer Erkenntnisweise und ästhetischer Erfahrung als Bestandteile von Aha-Erlebnissen.

Anschließend gaben die Teilnehmer der Übersetzersektion anhand zahlreicher Beispiele aus der englischen und deutschsprachigen sowie der chinesischen Lyrik Einblicke in die Schwierigkeiten, die sich bei der Übertragung von Aha-Effekten in eine andere Sprache ergeben können. Diskutiert wurden u.a. Verfahren bei der Übersetzung der Gedichte Benns, Grünbeins und Enzensbergers ins Chinesische, aber auch der Songs des Nobelpreisträgers Bob Dylan ins Deutsche. Zudem wurde gezeigt, wie eine fehlerhafte oder unpräzise Übersetzung von Atmosphärischem in Tang-Gedichten zu vermeintlichen Aha-Effekten beim Rezipienten führen kann.

Barbara von der Lühe

Barbara von der Lühe

Die literaturwissenschaftliche Sektion nahm zunächst den spätmittelalterlichen Minnesang in den Blick und analysierte hierbei Techniken der Verrätselung und Überraschung auf metrisch-musikalischer und metaphorischer Ebene. Anschließend wurden Überraschungsmomente in der Epigrammdichtung des 17. Jahrhunderts von Opitz, Hofmannswaldau und Weckherlin herausarbeitet und deren Verfahren exemplarisch vorgestellt. Es folgten Beiträge zu Gedichten Goethes, Hesses, Rilkes und Celans bis hin zur Gegenwartslyrik und einer Betrachtung von Aha-Effektenin der Lyrik im App-Zeitalter aus medienwissenschaftlicher Sicht.

Die Tagung ermöglichte durch ihre thematisch breitgefächerte interkulturelle Ausrichtung einen regen und produktiven Austausch zwischen Dichtern und Wissenschaftler/Innen dreier Länder, führte zu einem tiefergehenden Verständnis der Kulturen und in diesem Sinne zu vielen Aha-Erlebnissen.

Weiterführende Informationen zu der Tagung, den Vortragenden und dem geplanten Tagungsband sowie Fotos finden sich im Internet auf der tagungseigenen Homepage https://ahaeffekte.wordpress.com.

Benjamin van Well